Wohnungslos durch Jobcenter 10

Daß Menschen erst durch die Tätigkeit oder Untätigkeit von Jobcentern wohnungslos werden, ist überhaupt kein Wunder. Dies wird einmal mehr deutlich bei der Lektüre einer Studie des Diakonischen Werkes Hamburg über die Behandlung von Erwerbslosen in Hamburgs Jobcentern.
(Respekt – Fehlanzeige? Erfahrungen von Leistungsberechtigten mit Jobcentern in Hamburg: Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung. August 2012)

Hier heißt es unter anderem:

„Und die knappe Antwort, „Dann klagen Sie doch!“, die ein alleinerziehender Interviewpartner angesichts drohender Wohnungslosigkeit von einer Sachbearbeiterin erhielt, zeigt, dass auch bei gravierenden Notlagen mitunter jegliche Kommunikation oder Aushandlung unterbunden wird.“
(S.7)

„Aber auch die Vorgehensweise der Jobcenter verkompliziert die Wohnungssuche. Die Expert/innen berichten, dass in vielen Fällen die Übernahme von Kosten zu lange unklar bleibt oder nur unzureichend erfolgt.
So passiert es nicht selten, dass bei erfolgreicher Suche Mietverträge aufgrund von Verzögerungen beim Jobcenter letztlich nicht zustande kommen oder dass die Miete nicht in voller Höhe übernommen wird und ALG-II-Beziehende Probleme mit ihren Vermieter/innen (bis hin zur Kündigung der Wohnung) bekommen, weil sie nicht rechtzeitig über die Kürzungen informiert wurden.
Ein erstaunliches Ergebnis dieser Studie ist, dass auch die Verwaltungspraxis der Jobcenter Wohnungslosigkeit und Unterbringung in Notunterkünften verursacht. Dies scheinen keine außergewöhnlichen Einzelfälle zu sein.
Insgesamt begleiten die Expert/innen aus Beratungsstellen wohnraumbedingte Notlagen durchaus häufig und viele der interviewten ALG-IIBeziehenden berichten von Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit. Betroffen davon sind auch Familien mit schulpflichtigen Kindern.
Die Expert/innen kritisieren vor allem die oftmals zu langwierigen Abstimmungsprozesse zwischen den zuständigen Institutionen (Jobcenter, Fachstelle für Wohnungsnotfälle etc.) und das nicht selten spürbar fehlende Verständnis der Sachbearbeitenden für die Ausnahmesituation, die die Wohnungslosigkeit für alle ALG-II-Beziehenden und insbesondere für Familien bedeutet.
Es zeigt sich bei den Jobcentern insgesamt die Tendenz, die individuelle Lebenssituation wenig zu berücksichtigen und auch im Bereich des Wohnens rein nach Aktenlage zu entscheiden. Eine Expertin berichtet, dass eine solche Haltung angesichts von Umzugsproblemen auch ganz explizit von einer Sachbearbeiterin geäußert wurde: „Es ist schön, dass Sie die Perspektive der Leute einnehmen, aber die wollen wir hier gar nicht“.
Dies bedeutet in der Praxis, dass z. B. Bemühungen von Eltern, das soziale Umfeld (Schule etc.) für ihre Kinder im Falle eines Umzugs (bspw. nach einer Trennung) aufrechtzuerhalten, nicht selten scheitern. Gerade für Alleinerziehende ist der Verlust eines funktionierenden Betreuungsnetzwerks durch den Wegzug aus einem Stadtteil krisenhaft. Lapidare Äußerungen von Sachbearbeitenden wie „Alle wollen in Ottensen leben“ verdeutlichen die Ignoranz gegenüber komplexen Lebenslagen.“
(S.12f)

Auch ein beispielhafter Einzelfall wird in der Studie beschrieben:
„Als Frau Hoffmann von ihrer Mutter aufgefordert wird, innerhalb von zwei Wochen auszuziehen, wendet sie sich an das Jobcenter, weil, so ihre Erwartung, „die kümmern sich ja um einen“. Tatsächlich wird sie aber so lange mit der Aussage, „Sorry, das ist nicht mein Problem“, zwischen verschiedenen Jobcentern und dem Jugendamt hin- und hergeschickt, bis sie schließlich wohnungslos wird und in eine Wohnunterkunft ziehen muss. Erst nach vier Monaten bekommt sie mit Hilfe einer Beratungsstelle, die beim Jobcenter interveniert hatte, eine eigene Wohnung.“
(S.14)

Danach wird die junge Frau in einen Niedriglohnjob gedrängt, statt, wie sie es möchte, eine Ausbildung zu machen. Und jetzt kommt der Hammer:

„Die Beschäftigung bei McDonalds führt aber auch noch zu einem Konflikt auf der materiell-rechtlichen Ebene: Aufgrund der Anrechnung eines höheren als faktisch ausgezahlten Einkommens auf den Regelsatz wird die Miete nicht mehr bezahlt. Frau Hoffmann hat bis heute Mietschulden.“
(S.15)

Die Frau ist Anfang zwanzig, und hat schon eine vom Jobcenter verschuldete Wohnungslosigkeit hinter sich.

Diese Studie zeigt ganz wissenschaftlich, was ich auch mit der Serie „Wohnungslos durch Jobcenter“ deutlich machen möchte: Jobcenter machen wohnungslos und behindern die Wiedereingliederung. Und zwar nicht in Einzelfällen, sondern im Normalfall.

Dieser Umgang der Jobcenter mit Wohnungslosigkeit ist es, den ich boykottiere und bestreike.

Gleichzeitig reduziere ich (spätestens) mit dem Zitieren der Studie natürlich meinen Boykott an der Sozialindustrie auf meinen persönlichen Alltag.

Als Schlußsatz ein weiteres Zitat aus der Studie:

„Erwerbslose aus dem Bereich des SGB-II könnten und sollten noch viel häufiger klagen, um die gravierenden Defizite bei der Umsetzung geltenden Rechts offenkundiger werden zu lassen.“
(S.10)

Hier die Studie als pdf

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