Sozialindustrie* 2: GEWOBAG tut sozial

Wie das Bündnis „Zwangsräumungen verhindern“ heute meldet, sollen der zu 90% schwerbehinderte 67jährige Mohamed S. und seine Lebensgefährtin am Donnerstag, 18. 04. um 9.45 Uhr zusammen mit ihrem gemeinsamen 2jährigen Kind von der GEWOBAG, einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft und Partnerin im „Mietenbündnis“, aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt werden.

Der juristische Vorwand für die Räumung sei „eine Mietschuld von 3 Monatsmieten aus dem Jahre 2010, die bereits nach kurzer Zeit von der afrikanischen Gemeinde übernommen wurde.“

Der Mietvertrag sei über dreißig Jahre alt.
Die GEWOBAG biete in der Gegend, das heißt, in Nord-Charlottenburg, Eigentumswohnungen an. (Käufer_innen: bitte hier und hier und hier klicken!)

Ich möchte dies mit einigen Auszügen von der Webseite der GEWOBAG kontrastieren. Die Rolle, die das „Soziale“ hierbei spielt, erinnert auffällig an die Vorgänge vor der Räumung von Rosemarie Fliess.

    „Die aktive Gestaltung des gesellschaftlich-sozialen Wohnumfeldes ist uns eine Verpflichtung. Verantwortung für ein nachbarschaftliches, tolerantes Zusammenleben übernimmt die GEWOBAG im Rahmen vieler sozialer Aktivitäten.“

[„Soziale Aktivitäten“ als scheinbarer Ersatz für das Grundrecht auf Wohnen.]

    „Wir möchten unseren Mietern einen Mehrwert zum Wohnen bieten: Soziale Quartiersentwicklung verbessert die Lebensqualität, fördert Integration und erhöht die Zufriedenheit unserer Kunden. Investitionen in soziale Projekte zielen somit auf nachhaltige, langfristige Mieterbindung und Stabilität in den Wohnvierteln.“

[Wer langfristige Mieterbindung will, kann dies jedoch nicht erreichen, indem er langjährige Mieter_innen wegen längst bezahlter Mietschulden rausschmeißt.]

    „Jugendarbeit, Seniorenprojekte, Integrationsworkshops: Die Projektinhalte sind so vielfältig wie die Stadtteile selbst. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen liegt uns besonders am Herzen.“

[Aber zweijährige Kinder mit ihren Eltern an die Luft setzen.]
Obige Zitate von hier

Unter „ausgewählte Stadteilprojekte“ erfährt man Folgendes:

    „Lebensqualität im Alter, Charlottenburg“

    „Der demografische Wandel erfordert für jedes Quartier maßgeschneiderte Konzepte. Um vor allem den vielen älteren Bewohnern in Charlottenburg-Nord mehr Lebensqualität zu bieten, arbeitet die GEWOBAG seit 2005 mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen. Dazu wurden gemeinsam zwei Quartierseinrichtungen geschaffen: die Beratungsstelle Hofackerzeile 1 B und der Nachbarschaftstreff Reichweindamm 6.“

[Die Familie, die mit Zwangsräumung bedroht wird, wohnt übrigens Hofackerzeile 2A. Zwangsräumung mindert die Lebensqualität übrigens erheblich und kann bei älteren Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sogar tödlich sein, wie wir eigentlich auch schon vor Rosemarie Fliess‘ Tod wußten.]

    „Besonderer Schwerpunkt liegt in der Vernetzung und Versorgung der Senioren durch den Mittagstisch.“

[Wie nett. Kriegen die Leute da dann auch was zu essen, nachdem sie wohnungslos wurden und nicht mehr Mieter_innen der GEWOBAG sind? Und das Kind, das mit zwei noch nicht als Senior_in durchgehen dürfte?]

    „Ein vielfältiges Angebot an Freizeitaktivitäten trägt zum nachbarschaftlichen Miteinander der Bewohner in Charlottenburg-Nord bei. Weiterhin stehen die Sozialberatung, die Vermittlung sozialer Dienste sowie Hausbesuche im Blickpunkt der meist ehrenamtlichen Mithelfer der AWO.“

[Schade, daß die AWO im Auftrag der zwangsräumenden GEWOBAG handelt. Da kann sie wohl kaum gleichzeitig im Interesse der zwangsgeräumten Familie „sozial“beraten, abgesehen davon, daß es auch hier wieder die rechtliche und wirtschaftliche Situation der drohenden Zwangsräumung ist, die Beratung notwendig macht, und nicht die „soziale“ Situation der Familie. Allerdings würde ich mir recht blöd vorkommen, wenn ich hier ehrenamtlich, also ohne Bezahlung, als Aushängeschild und Feigenblatt tätig wäre, während nebenan die Leute zwangsgeräumt werden.]
Obige Zitate von hier

Dann gibt es bei der GEWOBAG noch eine Ombudsfrau gegen Korruption. Diese Sätze lesen sich wie Hohn:

    „Seriöses und ehrliches Wirtschaftsleben braucht Vertrauen und verbindliche Regeln.“
    „Einen hohen Stellenwert besitzen darüber hinaus im Rahmen des Unternehmensleitbildes entwickelte ethische Grundsätze.“
    „…ist jeder Beschäftigte zur Integrität und Fairness im Geschäftsverkehr verpflichtet sowie dazu, unfaire Praktiken … zu ächten.“

Obige Zitate hier

Übrigens hat die GEWOBAG auch einen Aufsichtsrat, in dem unter anderem Ephraim Gothe (SPD) (Kontakt) sitzt, seines Zeichens Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, und Rolf-Dieter Schippers, Referatsleiter in der Vermögensverwaltung der Senatsverwaltung für Finanzen (Kontakt)

Update: Die Räumung ist vorerst ausgesetzt. Herzliche Gratulation an das Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ und natürlich an die Familie, und der Aufruf: Schließt Euch zusammen, wehrt Euch, schafft Öffentlichkeit!

Leider ist das kein Anlaß, diesen Artikel wieder aus dem Blog zu entfernen, denn die GEWOBAG hat angekündigt, ansonsten weiter zwangszuräumen (d.h. vermutlich, wenn die Kampagne gegen Zwangsräumung gerade wegsieht), und ihre „Rechtspositionen“ zu wahren (Video mit dem Vorstand der GEWOBAG).

_________________________________________
*Mir ist bewußt, daß es an einer Definition fehlt, was im Sinne des Wohnstreiks genau mit „Sozialindustrie“ gemeint ist. Vorläufig muß es daher ohne Defininition gehen. Die neue Kategorie „Sozialindustrie“ soll Stück für Stück zur Klärung des Begriffs beitragen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Sozialindustrie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Sozialindustrie* 2: GEWOBAG tut sozial

  1. Dorena sagt:

    Hallo,durch Zufall stiess ich auf diesen Blog. Von der erwähnten Rentnerin habe ich im rbb erfahren. Man denkt immer in so eingefahrenen Gleisen,die Ämter wissen,was sie tun. Der Blog hat mich in jedem Fall aufgeweckt. Doch wenn man ohnehin gerade so über die Runden kommt mit seinen Kräften,ist es gar nicht einfach, genau zu verstehen,was abgeht und sich zu wehren oder gar Verbündete zu suchen. Ich wünsche Eurer Initiative viele Mitstreiter.
    Freundliche Grüsse Dorena

  2. Chris sagt:

    Vielen Dank! Ich wünsche Euch starke Verbündete.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.