Sozialindustrie 3: Ausbeutung in Knast, Klapse und Behindertenwerkstatt

Daß Arbeit frei macht und demzufolge sozial ist, was Arbeit schafft, sind nicht nur blöde Sprüche.

Während dem gemeinen homo oekonomikus die Arbeit lediglich als Mittel zum wirtschaftlichen Zweck dient, nämlich zum Erwerb von Geld oder der eigenen Arbeitsergebnisse, und ansonsten aus wirtschaftlichen Gründen möglichst zu vermeiden ist, sind besonders diejenigen, die das Unglück haben, ins Fadenkreuz „sozialer“ „Arbeit“ zu geraten (im Folgenden „wir“ genannt), damit konfrontiert, daß uns die Wertung aufgedrängt wird, „Arbeit“ sei aus sich selbst heraus gut für uns, eine richtiggehende Wohltat, und müsse schon daher nicht so wirklich richtig bezahlt werden.

Die Erwartung, mit der uns häufig begegnet wird, geht in die Richtung, daß wir noch froh und dankbar sein sollen, uns für lau oder extrem billig, und ganz sicher ohne ArbeitnehmerInnenrechte, den Arsch aufzureißen. Bis hierher gilt das Gesagte genauso auch für alle Erwerbslosen, ob in Bürgerarbeit oder Ein-€-Jobs oder unbezahlten Praktika im Ramen von „Maßnahmen“ oder im Bundesfreiwilligendienst.

Daß in Gefängnissen sogar laut Grundgesetz Zwangsarbeit gestattet ist (eine Voraussetzung zum Aufbau einer richtigen Gefängnisindustrie), daß es Zwangsarbeit in „sozialen“ Einrichtungen seit Beginn der Bundesrepublik und der DDR gab, daß Behindertenwerkstätten in erster Linie Orte möglichst rentabler Produktion sind, das war mir alles bekannt.

Bis heute wußte ich aber nicht, daß auch der Betrieb „sozialer“ Einrichtungen zur Verwertung der Arbeitskraft Ausgestoßener in psychiatrischen Anstalten lukrativ sein kann (hätte es mir allerdings denken können).

Die Münchener Abendzeitung meldet heute, daß der Ehemann der bayerischen „Sozial“ministerin Christine Haderthauer von einem Häftling des Ansbacher Bezirkskrankenhauses verklagt wird, weil er ein besonders wertvolles Arbeitsergebnis dieses Häftlings ohne dessen Zustimmung verkauft haben soll.

Aus dem Artikel:

    „Die Fertigung der Modellautos unter Federführung von Roland S., der einst drei Männer getötet hat, wurde von Hubert Haderthauer initiiert, der damals als Arzt im Bezirkskrankenhaus Ansbach beschäftigt war und die außerordentlichen Fähigkeiten von S. erlebte. Es sei ihm nur um den therapeutischen Zweck der Beschäftigungs-Maßnahme gegangen.

    Hubert Haderthauer tauchte aber auch noch in einem anderen Zusammenhang auf. Er war es, der für den Bezirk Mittelfranken jenen Vertrag unterschrieb, der die Basis für die gewinnbringende Vermarktung der Autos darstellte.“

Ganzer Artikel hier

Lesenswert.

Da die Reihe „Sozialindustrie“ dazu dienen soll, nach und nach den Begriff „Sozialindustrie“ mit Inhalten zu füllen: Die „Träger“ solcher „sozialer“ „Arbeit“, die von der Unterstellung ausgehen, uns einen Gefallen zu tun, wenn sie uns unsere Arbeitskraft abnehmen und die Bedingungen alleine diktieren, die gehören an allererster Stelle und unter allen Umständen dazu.

Update: Über die Haderthauers und deren Geschäfte mit Modellautos berichtet hier auch Spiegel online.

Update: Über den „sozialen“ Arbeitsmarkt, der derzeit ja so viel besprochen wird, hat Helga Spindler auf den Nachdenkseiten einiges Erhellende zu sagen.

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2 Kommentare zu Sozialindustrie 3: Ausbeutung in Knast, Klapse und Behindertenwerkstatt

  1. Dian sagt:

    Wie „rentabel“ die Forensik ist, kann man auch anhand des verlinkten Artikels ermessen:

    http://www.nordbayern.de/nuernberger-nachrichten/region-bayern/bezirkskliniken-in-geldnot-1.2005022

  2. Chris sagt:

    Wow, „Gewinn in den Forensischen Kliniken in Höhe von rund 3,7 Millionen“ in 2010, aus den „klinischen Bezirkseinrichtungen in Ansbach, Erlangen und Engelthal im Nürnberger Land“.
    Preisfrage: Auf welche Arten kann eine Forensik Geld verdienen?

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