Gelebte Wohnungsnot, auch mit Wohnung

Bei der Mahnwache zur Unterstützung von Gustl Mollath erzählt mir ein Teilnehmer von seiner Wohnsituation.

Er wohnt in einer Wohnung, deren Sozialbindung weggefallen ist, und zwar schon 2003.
Seit 10 Jahren sitzt er nach seinen eigenen Worten auf einer tickenden Mietbombe.
Die Miete könnte jederzeit, juristisch unangreifbar, auf 13,50 Euro nettokalt erhöht werden.
Auch das Jobcenter, von dem er finanziell abhängig ist, kann ihn jederzeit wohnungslos machen, und würde eine solche Miete auf keinen Fall übernehmen. Aktuell muß er ca. 50 Euro aus dem Regelsatz zur Miete dazuzahlen.
So weiß er nie, ob die Wohnung im nächsten Monat überhaupt noch da ist.

Seit zehn Jahren lebt der Mann also mit der ständigen Bedrohung, die Wohnung jederzeit Knall auf Fall verlieren zu können, und da er nicht völlig abgestumpft ist, ist ihm das auch jederzeit bewußt.

In eine Wohnung, die morgen weg sein kann, ohne daß man dagegen etwas machen kann, in die investiert man auch nicht mehr viel.

„Der mentale und ethische Wohlbehalt ist unter diesen Umständen nicht mehr gegeben“, sagt mir mein Gesprächspartner.

Er sagt mir, früher habe er schön gewohnt, aber seit 10 Jahren würde es bei ihm aussehen, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Als „Wohnungsnot“ tritt so etwas statistisch gesehen gar nicht in Erscheinung. Es gibt ja nicht einmal eine Statistik darüber, wie viele Menschen ganz ohne Wohnung leben müssen. Doch der Zustand, den mein Gesprächspartner beschreibt, ist die gelebte Wohnungsnot.

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