Sozialindustrie 4: Fieses Hetzblättchen der Volkssolidarität Berlin

Unter dem irreführenden Titel „Brückenbauer – Friedrichshain-Kreuzberg interkulturell“ gibt die Volkssolidarität, Landesverband Berlin e.V., ein achtseitiges Blättchen heraus, dessen 28. Ausgabe für Juli/August 2013 mir vor ein paar Tagen in die Hände fiel.
Hier kann man die Ausgabe downloaden, inzwischen ist schon eine weitere erschienen.

Schon auf der ersten Seite kriegen sowohl die Be- und Anwohnerinnen der Cuvrybrache als auch die Flüchtlinge im Protestcamp am Oranienplatz auf übelste Art und Weise ihr Fett weg.

Unter der Überschrift „Konservativ“ geht es zunächst in einer Kolumne gegen beide Gruppen.
Ein paar der blöden Sprüche:
„Sie wussten selbst im fernen Bayern: In Kreuzberg regieren die Grünen, die werden ihr Protestcamp dulden. So geschah es.“
Jaaa, außer den Flüchtlingen hat „im fernen Bayern“ noch nie irgendwer was von Kreuzberg gehört.
In Wirklichkeit ist halb Kreuzberg aus Süddeutschland nach Berlin gezogen, aus Gründen.

„Es geht immer um das Eine: Es soll so bleiben, wie es ist, …“
Jaaaa neee, iss klar, das Flüchtlingscamp stellt selber üüüüüberhaupt keine neue Entwicklung in den Protesten dar, und daß die Cuvrybrache derart offensiv genutzt und bewohnt wird, das war auch quasi schon seit dem Paläolithikum so.

„Was aber, wenn außerhalb und innerhalb dieses Mikrokosmos Entwicklungen beginnen, mit denen man sich auseinandersetzen muß?“
So wie der Wahnsinn am Wohnungsmarkt? Die zunehmende Verdrängung?
Wie, und damit setzen die Menschen in Kreuzberg sich wohl nicht auseinander, die eine freie Cuvrybrache und das Recht von Flüchtlingen auf eigene Wohnungen unterstützen? Neiiiin.

„Wenn der Senat von Wohnungsnot redet und eine der letzten Uferparzellen zur Bebauung freigibt?“
Jaaaaa, und die zu bauenden Luxuswohnungen helfen dann gegen die Wohnungsnot, nee iss klar.

„Und wenn es Anwohner nicht mehr spannend finden, ein kleines Multikulti-Dorf vor der Nase zu haben, weil es übel zu riechen beginnt?“
So. „Multikulti“ stinkt also.
Was hier stinkt, ist die Tatsache, in welchen Verhältnissen man Flüchtlinge zu leben zwingt, ob das nun öffentlich am Oranienplatz oder versteckt in einem Lager geschieht. Dies müssen sich nicht die protestierenden Flüchtlinge zuschreiben lassen. Der „Brückenbauer“ betreibt hier Victim-Blaming, und das stinkt.
Das Camp ist nicht dafür da, den AnwohnerInnen spannende Unterhaltung zu bieten, und „Multikulti“ ist eine Verniedlichung des Protestes und eine Verharmlosung von dessen Gegenstand. Das stinkt.

Übrigens meldete der Berliner Flüchtlingsrat am 30.August, daß Flüchtlinge jetzt amtlich in die Obdachlosigkeit entlassen werden, und auch zustehende Sozialleistungen werden kackdreist in aller Offenheit vorenthalten.

Und: Was Kreuzberg nicht mehr „spannend findet“, das sind die vielfältigen Menschenrechtsverletzungen, denen auch diejenigen Flüchtlinge ausgesetzt sind, die es überhaupt ins Land geschafft haben.

Diese miese kleine Hetzkolumne ist übrigens vom Herausgeber des „interkulturellen“ „Brückenbauer“ persönlich verantwortet, und nicht von einem der Ehrenamtlichen, die der „Brückenbauer“ netterweise „bereit“ ist, „in ihre Arbeit einzubinden, die Freiwilligen systematisch zu begleiten und fortzubilden“.

Weitere Bonmots gibt es im Artikel „Oranienplatz erhält runden Tisch“ („Mit ihrer Besetzung wollen sie auf die ihrer Meinung nach unwürdige Behandlung aufmerksam machen“ / „… und dort kaum noch Flüchtlinge wohl aber Junkies und Drogendealer eingezogen seien“) und im Artikel „Wir wollen eure Scheiße nicht, das ist unser Zuhause.“ über die Cuvrybrache („… dem großen Gallischen Dorf inmitten aller Verheißungen der Welt da draußen. Eine davon lautet: „Wir bauen euch Wohnungen, damit ihr wohnen könnt mitten in der Stadt.“ Einer der daraus Pläne schmiedet und realisiert…“ / „Wenigstens eine im Zelt [Lüscher] hat es begriffen, denkt Investor Süsskind.“ / „Da ist es wieder, das Wort: Freifläche. Alles soll so bleiben, wie es ist.“)

In der Sozialindustrie wird ein Haufen Geld verdient mit Wohnungslosen, und mit Flüchtlingen.
Ein Bett in einer Unterkunft kostet schnell mal 600 €. Für ein paar wenige Quadratmeter.
Da bietet es sich offenbar einfach nicht an, sich mit Menschen zu solidarisieren, die in der selben Situation sind wie die NutzerInnen dieser Einrichtungen, aber etwas anderes wollen, und unter anderem gegen die staatliche Repression protestieren, die sie zwingen soll, diese Einrichtungen zu nutzen.

Bah.

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