„Freiwillige“ Wohnungslosigkeit?

Als ich mit dem Wohnstreik angefangen habe, bin ich meist auf ein geistiges Vakuum gestoßen, wenn ich versucht habe, zu erklären, was das ist.

Auf die Information, daß ich wohnungslos bin, haben die Leute meist entweder selbst hektisch reagiert, indem sie versucht haben, irgendeinen Vorschlag vorzubringen, was ich denn jetzt machen könnte, und sei er noch so abstrus, oder sie haben von mir Hektik erwartet, so als dürfe es in meinem Kopf nichts anderes geben als „Ich muß sofort eine Wohnung finden! Ich muß sofort eine Wohnung finden! Ich muß sofort eine Wohnung finden!“

Sobald ich darauf bestanden habe, daß ich nicht nur das Recht habe, sondern es auch sinnvoll ist, sich die Gesamtlage auf dem Wohnungsmarkt anzusehen, und darüber nachzudenken, was für eine Wohnsituation man eigentlich anstrebt, und auch, was für eine nicht, kam dann sofort: „Ach sooooo. Dann ist Deine Wohnungslosigkeit also selbst gewählt. Dann ist ja alles paletti.“

Dazwischen gibt es irgendwie nix.

Deswegen war ich mal ganz schön froh, zu sehen, daß das auch mal ganz unabhängig von mir jemand aufgefallen ist.

Auf stadtundmigration.wordpress.com schreibt die Wissenschaftlerin Sandra Schindlauer in einem insgesamt sehr lesenswerten Gastbeitrag:

    „Eine Frage der Perspektive

    „Aber in Deutschland muss doch niemand obdachlos sein.“ Diese Aussage höre ich oft, wenn ich davon berichte, dass ich mich mit dem Thema „Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum deutscher Großstädte“ auseinandersetze. Implizit wird davon ausgegangen, dass das wohlfahrtsstaatliche Sicherungssystem so gut ausgebaut ist, dass deutsche Staatsbürger/innen nicht obdachlos sein müssen. Im Umkehrschluss ist daher die Meinung weit verbreitet, dass obdachlose Personen freiwillig auf der Straße leben.“

Und weiter unten

    „Nun aber zurück zur Ausgangsfrage dieses Beitrags: muss in Deutschland niemand obdachlos sein? Deutsche Kommunen sind per Gesetz (sog. „Unterbringungspflicht“) verpflichtet, deutschen Staatsbürger/innen, die (1) unfreiwillig obdachlos sind, (2) den Wunsch äußern, eine Wohnung zu erhalten und sich (3) aus eigener Kraft nicht aus ihrer Lebenslage befreien können, eine menschenwürdige Unterkunft zur Verfügung zu stellen.“

Und hier ist auch der administrative Knackpunkt enthalten, in der harmlos wirkenden Bedingung „und sich (3) aus eigener Kraft nicht aus ihrer Lebenslage befreien können“.

Man muß also Wohnungslosen nur unterstellen, daß sie schon könnten, aber eben bloß nicht WOLLEN!!!

Und das ist ganz leicht getan: Entweder macht man einen völlig sinnlosen Vorschlag (oder notfalls eben zwei oder drei oder vier, jedenfalls solange bis es der wohnungslosen Person zu blöd wird, worauf man triumphiert: „Sie WOLLEN!!! ja bloß nicht!“) oder man bläst die sinnlose Bürokratie so weit auf, bis die wohnungslose Person aufgibt, auch dann will sie bloß nicht doll genug.

Zusätzlich kann man Wohnungslose auch an jeder Station so runtermachen, daß sie irgendwann wirklich keinen Bock mehr haben.

Gruselig finde ich, daß diese Unterstellung und der tiefe Glaube, Wohnungslosigkeit sei ein Verhalten der Wohnungslosen und nicht der Mangel an einer Wohnung, eben nicht nur in einer Verwaltung vorherrscht, die sich um’s Verrecken von ihren Pflichten entlasten will, ohne ihnen nachzukommen, sondern daß diese Vorstellung auch gesellschaftlich so tief verankert ist, daß ich ihr auf Schritt und Tritt begegne. Und ich treffe jetzt nicht den ganzen Tag nur auf Idioten oder so, im Gegenteil, ich halte mich ziemlich konsequent von Bevölkerungsgruppen fern, bei denen man solche Einstellungen am ehesten vermutet.

Siehe dazu auch hier und hier.

Die Masche, Erwerbslosen zu unterstellen, sie WOLLEN ja bloß nicht arbeiten, läuft übrigens genau nach demselben Schema, und auf Geflüchtete soll offenbar in Zukunft ganz dasselbe Prinzip angewandt werden.

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