FAQ

Wie, Du bist wohnungslos? Ja, willst Du denn keine Wohnung?
– Warum gehst Du nicht als Untermieterin in eine WG? WG-Zimmer gibt es noch.
– Wieso suchst Du Dir nicht erstmal eine Wohnung und setzt Dich dann für die Obdachlosen ein?
– Was ist der Unterschied zwischen „Wohnungslosen“ und „Obdachlosen“?
– Du kannst nicht für alle Wohnungslosen sprechen, weil Du freiwillig ohne Wohnung lebst.
– Was möchtest Du mit Deinem Wohnstreik erreichen, auch für Dich, was sind Deine Forderungen?
– Warum beziehst Du ALG II und willst gleichzeitig das Jobcenter bestreiken? Das ist doch inkonsequent.


Wie, Du bist wohnungslos? Ja, willst Du denn keine Wohnung?

Antwort 1: Klar möchte ich ne Wohnung. Nur ein paar andere Sachen möchte ich nicht.
Ich möchte nicht der Immobilienindustrie einen Haufen Geld in den Rachen werfen, unter der Drohung, sonst mein Zuhause zu verlieren. Ich möchte nicht vom Jobcenter mit der Drohung erpreßt werden, meine Wohnung zu verlieren. Ich möchte nicht von einem „Arbeitgeber“ mit dieser Drohung erpreßt werden.
Und dann hängen ja noch Weitere dran, die sich an meinem Wunsch nach einer Wohnung gesundstoßen möchten: Die Preisspirale bei Strom, Heizung, Wasser (hab ich jetzt alle?) zieht immer weiter an, und selbst die GEZ macht neuerdings den Besitz eines Hausstandes zur einzigen Bedingung dafür, in den Genuß des „Beitragsservice“ zu kommen.
Je höher der Preis, desto mehr Menschen können ihn sich nicht leisten, das ist eine Binsenweisheit und nicht besonders originell. In dieser Situation kann man der Karotte hinterherrennen, die einem mehr oder weniger unerreichbar vor der Nase baumelt, oder man kann es sein lassen.
Allerdings ist es sehr fragwürdig, eine solche Entscheidung in einer solchen Situation dann zum Dreh- und Angelpunkt der Interpretation von Wohnungslosigkeit zu machen, und sei es die Wohnungslosigkeit einer einzelnen Person.

Antwort 2: Daß alle Wohnungslosen eine Wohnung haben könnten, wenn sie nur dolle genug wollten, und daß natürlich auch alle Erwerbslosen eine Arbeit haben könnten, wenn sie nur dolle genug wollten, ist eine so dünne, offensichtlich unwahre Geschichte, daß ich überhaupt kein Verständnis dafür aufbringe, wenn jemand so tut, als würde sie plötzlich zutreffen, wenn es um Einzelpersonen geht.
Wer so fragt, drückt kein zwischenmenschliches Interesse aus, sondern eine Gaffermentalität. Im besten Fall unbedacht und versehentlich, im weniger guten Fall, um sich zu Lasten Kleinerer etwas größer zu fühlen.
Zur scheinbaren Rechtfertigung einer Wohnungspolitik, die darauf hinausläuft, daß immer mehr Menschen wohnungslos werden, und zur scheinbaren Rechtfertigung einer „Sozial“- und Arbeitsmarktpolitik, die de facto Beschäftigung vernichtet, existiert allerdings keine Alternative dazu, so zu tun, als „wollten“ die Menschen nichts anderes, als Arbeit und Wohnung zu verlieren.

Antwort 3: Diese Art der Fragestellung ist diskriminierend. Das wird schnell klar, wenn man überlegt, wen man solche Sachen fragt, und wen nicht. Wohnungslose werden dauernd so angesprochen. Oder Erwerbslose: „Wie, Du bist erwerbslos? Ja, willst Du denn nicht arbeiten?“
Die Gegenprobe macht es sichtbar: diese Art Fragen ist nicht zum Gewinn von Informationen geeignet, sondern so fragt man Personengruppen, denen man unterstellen kann, daß sie über jedes Fünkchen geheucheltes Interesse froh sein müssen. Komisch klingt dagegen: „Wie, Du arbeitest im Jobcenter? Ja, willst Du denn die Menschen dauernd mit Sanktionen bedrohen, und sie wohnungslos machen, wenn sie nicht spuren?“
Wie, Du hast die FDP gewählt? Ja, willst Du denn Europa in eine einzige große Bananenrepublik verwandeln?“
Wie, Du bist GerichtsvollzieherIn? Ja, willst du denn im Namen des Profits Menschen ihre Wohnung wegnehmen, auch wenn die dabei draufgehen?“

Warum gehst Du nicht als Untermieterin in eine WG? WG-Zimmer gibt es noch.

Die meisten WGs sind darauf angewiesen, daß die Miete aller Mitbewohner_innen pünktlich kommt, weil sonst schnell mal die ganze WG auf der Straße sitzen kann. In meinem Fall käme die Miete erstmal vom Jobcenter.
Die Jobcenter sind dabei aber nicht wirklich ein verläßlicher Partner, wie ich mit meiner kleinen Serie „Wohnungslos durch Jobcenter“ zeigen möchte.
Jetzt sagt das Jobcenter zu mir: „Nimm an dieser unsinnigen Maßnahme teil, bewirb Dich auf jenen Job, den Du gar nicht haben willst, oder wir sanktionieren Dich“, und ich sage: „Nein, mach ich nicht, weil xyz“. Mit dieser Position werde ich mich womöglich durchsetzen können, aber erst irgendwann vor Gericht, und vielleicht auch da nicht, und die Leistung ist zunächst gekürzt oder ganz gestrichen.
Sobald aber die Leistungen des Jobcenters nicht mehr kommen, hat man dann auch einen Interessenskonflikt mit der eigenen WG.
Eigentlich schon vorher, sobald man überhaupt ein Risiko eingeht, sanktioniert oder sonstwie schikaniert zu werden.
Ich bin nicht besonders scharf drauf, vom Jobcenter gegen die eigene WG ausgespielt zu werden.
Und das Thema „Bedarfsgemeinschaft“ habe ich jetzt noch gar nicht angesprochen.
Begriffsdefinition hier. Ein paar Beispiele, wie es WGs geht, wenn einzelne MitbewohnerInnen ALG II beziehen: hier, hier und hier.
Und für Haushalte, die nach der legalen Definition tatsächlich Bedarfsgemeinschaften sind, sieht es noch schlimmer aus, denn für Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft werden erstmal gleich 10% vom Regelsatz abgezogen, und alles, was ein einzelnes Mitglied des Haushalts tut oder nicht tut, kann gegen alle verwendet werden.
Kein Wunder, daß in Berlin der Anteil der Single-Haushalte steigt, eine Entwicklung, die übrigens auch mit für die Wohnungsnot verantwortlich gemacht wird.
Und hier ein Beispiel, wie es einer WG ging, die vom Jobcenter als Bedarfsgemeinschaft eingestuft wurde.

Wieso suchst Du Dir nicht erstmal eine Wohnung und setzt Dich dann für die Obdachlosen ein?

Das Letzte, was die „Obdachlosen“ brauchen, ist eine weitere Fürsprecherin.
Ich spreche auch jetzt nicht für andere, sondern allein für mich, auch wenn die Zusammenhänge, die ich sichtbar machen will, mit Sicherheit viele betreffen, und auch, wenn ich in diesem Blog auch anderen Wohnungslosen Raum geben möchte, zum Beispiel auf der Mitmachseite oder in der Rubrik „Wohnungslos durch Jobcenter“.

Ich habe auch ein Problem mit diesem „Erstmal“-Denken.
Wieso soll ich mich für die Reihenfolge rechtfertigen, in der ich Dinge anpacke, oder für meine persönlichen Prioritäten? Ist die Bedürfnispyramide jetzt ein Gesetz? Hört man deswegen so wenige Wohnungslose sprechen, und so Viele über „Obdachlose“ sprechen? Weil die Wohnungslosen sich ja „erstmal“ eine Wohnung suchen sollen?
Und wie lange sollen wir nach Wohnungen suchen, von denen es viel zu wenige gibt, bevor wir auch mal was sagen dürfen? Ich lehne es ab, mich auf eine solche Reihenfolge oder solche Prioritäten festlegen zu lassen.

Was ist der Unterschied zwischen „Wohnungslosen“ und „Obdachlosen“?

Als „obdachlos“ wird normalerweise die kleine Gruppe von Wohnungslosen bezeichnet, die den stigmatisierenden Klischees über Wohnungslose noch am ehesten zu entsprechen scheinen.
Ich verwende den Begriff nicht, weil ich kein Interesse an der Stigmatisierung von Wohnungslosen habe.
„Wohnungslos“ sind alle, die keine Wohnung haben, unabhängig davon, wie es dazu gekommen ist.

Du kannst nicht für alle Wohnungslosen sprechen, weil Du freiwillig ohne Wohnung lebst.

Ich entscheide mich freiwillig, und zwar innerhalb eines bestimmten Spielraumes. Dieser Spielraum ist von außen vorgegeben, und er ist unzumutbar winzig. Würde ich all meine Energie auf die Wohnungssuche konzentrieren, hieße das noch lange nicht, daß ich überhaupt eine Wohnung finden würde, geschweige denn eine, in der ich auch leben möchte. In dieser Situation sind tatsächlich viele Wohnungslose, und müssen sich entscheiden, wie viel oder wenig Energie sie in eine mehr oder weniger aussichtslose Wohnungssuche stecken wollen.
Ich bin der Ansicht, diese Entscheidung darf einem niemand aus der Hand nehmen, sie muß freiwillig sein. Egal, wie man sich entscheidet, die Entscheidung ist legitim, weil es einem selber zusteht, diese Entscheidung für sich zu treffen.
In keinem Fall legitimiert die Entscheidung mancher Wohnungsloser gegen eine Wohnungssuche jedoch die Zustände am Wohnungsmarkt, oder daß Jobcenter ihre „Kund_innen“ wohnungslos machen, oder daß viel zu wenig Schlafplätze in Einrichtungen für Wohnungslose vorhanden sind, oder die Verschärfungen des Mietrechts auf Bundesebene etc.

Davon mal abgesehen, will ich sowieso nicht „für alle Wohnungslosen sprechen“.

Was möchtest Du mit Deinem Wohnstreik erreichen, auch für Dich, was sind Deine Forderungen?

Konkrete Forderungen habe ich nicht aufgestellt. Als Einzelkämpferin wäre das auch wenig sinnvoll. Ich werde mich vielleicht den Forderungen anderer anschließen.
Ich fordere auch nicht eine Wohnung für mich selber – es wäre dann ja sehr leicht, den Wohnstreik zum Schweigen zu bringen, mithilfe einer einzigen Wohnung, wo tausende Wohnungen gebraucht werden.
Der nächste Schritt ist vielleicht eher, überhaupt bei den Verantwortlichen den Wunsch zu erzeugen, daß ich doch eine Wohnung hätte und den Wohnstreik beendete.
Ich möchte sichtbar machen, daß Wohnungslosigkeit ein politisches Problem ist, nicht „nur“ ein „soziales“, daß die Trennung zwischen den „sozialen“ und den politischen Aspekten der Wohnungslosigkeit mitten durch den wohnungslosen Menschen verläuft.

Wenn es mir gelingt, das einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, bevor die Immobilienblase platzt, dann, würde ich sagen, wäre das ein grßer Erfolg.

Warum beziehst Du ALG II und willst gleichzeitig das Jobcenter bestreiken? Das ist doch inkonsequent.

Ich bestreike die finanziellen Leistungen nicht, weil ich sie gut finde.
Viele Wohnungslose, die keine Sozialleistungen bekommen, sind die ganze Zeit damit beschäftigt, die nächste Mahlzeit heranzuschaffen. (Das kann auch für Leute gelten, die eine Wohnung haben, aber zu wenig Geld.) Das kann auch den Denk-und Planungs-Horizont einschränken.
Wenn für die nächste Mahlzeit halbwegs gesorgt ist, zumindest für die ersten zwei oder drei Wochen des Monats (ALG II ist zu wenig für den ganzen Monat, kann man nicht oft genug sagen), dann kann man anfangen, an seine Zukunft oder andere Dinge zu denken. Zum Beispiel, um über den Arbeitsmarkt oder den Wohnungsmarkt nachzudenken.

Je weniger Geld es gibt, desto mehr Leute werden darauf verzichten, sich diese innere Freiheit zu nehmen.

Die Abläufe im Jobcenter sind sowohl darauf angelegt, daß möglichst viele Leute sagen: „Jobcenter, leck mich, behalt Deine Almosen!“ und gleichzeitig darauf, denjenigen, die es durchsetzen können, Leistungen zu erhalten, dennoch die Freiheit zu nehmen, mit diesen Leistungen ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen.
Mein Streik zielt zwischen diese beiden Ausrichtungen: Ich möchte Leistungen haben, und ich möchte sie dazu verwenden, mein Leben selbst zu gestalten, ohne unter Androhung von Leistungsentzug darüber Rechenschaft abzulegen.

Daß man einfach ganz auf die Leistungen verzichtet, ist somit kein wirksamer Boykott.

Das oberste Ziel der Jobcenter ist es, „die Hilfebedürftigkeit zu verringern“. Das ist gesetzlich festgeschrieben. Gemessen wird die Erfüllung dieses Zieles an der Summe der anerkannten Leistungsansprüche. Wenn jemand also gar keine Leistungen beantragt, obwohl er berechtigt ist, hat das die Auswirkung, daß seine „Hilfebedürftigkeit“ als auf Null „reduziert“ gilt.
Ein schöner Erfolg für das Jobcenter.

Ein Kommentar zu FAQ

  1. klaus sagt:

    Hallo Chris
    In mir steckt ein schreiender Protest, wenn ich Deine Gedanken lese. Ich kann dir nur zustimmen!!
    Mir fehlen im Moment die richtigen Worte um einen schlauen Kommentar abzugeben, es ist sehr beeindruckend deinen Blog zu lesen,.
    Mal sehen ob es mir gelingt einen Vortrag für dich zu organisieren.
    Gruß Klaus

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